Dass die Form der Funktion folgt, ist gerade bei der Gestaltung von Produkten für ältere Menschen wichtiger denn je. Ein Gespräch mit Stefan Brodbeck von brodbeck design über coole Handys, mitfühlende Herdplatten und die Ästhetik im Alter.
Herr Brodbeck, womit befasst sich generationenübergreifendes Design?
Es geht um die Gestaltung von Produkten, die auf die physischen und psychischen Veränderungen der Menschen Rücksicht nehmen und dabei in ihrer Ästhetik alle Generationen ansprechen. Der ästhetische Anspruch ist im Alter ja derselbe wie in jungen Jahren – wenn nicht sogar noch ausgeprägter. Insbesondere jene, die jetzt älter werden, hat Design stark geprägt. Autos, Möbel, Kleider, Stereoanlage, Türgriffe – Gestaltung ist ein selbstverständlicher Teil unseres Lebens geworden.
Welche psychischen Veränderungen meinen Sie?
Zum Beispiel das Gefühl der Sicherheit. Im höheren Alter traut man sich oft nicht mehr so viel zu. Hier kann Produktgestaltung unterstützen und helfen. Nehmen wir als Beispiel das Handy: Ich habe meinen Vater, er ist 83, vor einiger Zeit ein Mobiltelefon mit größeren Tasten geschenkt, aber benutzt es nicht. Er scheut sich davor, weil das Handy immer noch zu kompliziert ist. Ein ganz einfaches Handy mit den Funktionen, die er von seinem normalen Telefon kennt, würde ihm helfen, die Barriere zu überwinden. Stattdessen gibt ihm dieses Handy das Gefühl: Ich kann das nicht mehr.
Worin liegt die besondere Herausforderung für den Designer?
Produkte zu entwickeln, die den veränderten Bedürfnissen angepasst sind, aber nicht danach aussehen! Dazu muss er ein Verständnis für diese Zielgruppe entwickeln und wirklich in ihre Lebenswelt eintauchen und sie verstehen. Unser Anspruch ist, dass der 70-Jährige ein Gerät kauft, über das der Enkel sagt: „Cool, das hätte ich auch gern.“ Wir mögen also Produkte entwickeln, mit denen die Menschen sich gut fühlen. Verstehen statt ausgrenzen.
Wie schaffen Sie das?
Indem wir uns sehr intensiv mit den Menschen beschäftigen und bei der Produktentwicklung ältere Menschen in den gesamten Entwurfsprozess mit einbeziehen. Wir machen Befragungen, denn die Lebenswelten auch innerhalb der älteren Generation sind ja extrem unterschiedlich.
Außerdem arbeiten wir mit Experten aus der Wissenschaft zusammen wie dem GRP (Generation Research Programm) in München, das sich explizit mit generationsübergreifender Forschung beschäftigt.
Wo sehen Sie Potential für Transgenerationen-Design?
Im Grunde in jedem Bereich, wo Übersichtlichkeit, Komfort, Sicherheit und Bequemlichkeit eine Rolle spielen. Das gilt für den gesamten Wohnbereich, für das Büro, für Sportgeräte, für das Auto – wo übrigens viel entwickelt wurde in den letzten Jahren. Zum Beispiel die Einparkhilfe. Die macht es allen Menschen leicht, den Wagen kratzerfrei in eine Lücke zu setzten. Man muss nicht älter oder in seiner körperlichen Beweglichkeit eingeschränkt sein, um diese Hilfe zu schätzen. Alle profitieren – das ist generationsübergreifendes Design.
Trägt also gutes Design zu Freiheit und Unabhängigkeit im Alter bei?
Auf jeden Fall. Wenn ich mich mit über 80 nach einer möglichen Hüftoperation immer noch frei in meiner Wohnung bewegen kann, Badewanne oder Dusche leicht bewältige, dann ist das für mich als Individuum ein großes Stück Freiheit. Die Produktwelt muss die Lebenswelten so gestalten, dass die Menschen bis ins hohe Alter selbständig bleiben können, indem z.B. ihr Herd „mitdenkt“ und sich von allein ausschaltet, wenn fünf Minuten lang nichts mehr auf der Platte stand. Dazu braucht man modernste Technik wie etwa Sensorsteuerung. Wir sehen so viele Potentiale, sich auch im internationalen Markt zu positionieren, Deutschland könnte wirklich ein Vorreiter sein.
Und warum stürzt sich keiner darauf?
Das machen schon einige, aber es ist ein langer Prozess, bis sich das Denken, welches die letzten Jahrzehnte geprägt hat, verändert. Großkonzerne, die Handys herstellen, können nicht von heute auf morgen ihre Produkte radikal verändern, da muss es in der Entwicklung schleichende Übergänge geben, damit die Produktwelten nicht zusammenbrechen. Klar, wir als Designer sind ungeduldig und würden Ideen umsetzen, aber so schnell geht das leider nicht.
Warum eigentlich Transgenerationales? Können sich die Menschen nicht einfach eingestehen, dass sich älter werden und offensiv damit umgehen?
Ich bin kein Psychologe, aber ich glaube, dass die jetzige ältere Generation sehr leistungsorientiert erzogen wurde. In der Nachkriegszeit zählte Leistung, Leistung, Leistung. Insbesondere die Männer haben größere Probleme, sich die psychischen und physischen Veränderungen einzugestehen, nicht mehr ganz so fit und stark zu sein. Ein Beispiel: Wir haben von einem großen Skihersteller gelernt, dass die Herren am liebsten noch Racing-Skier kaufen, obwohl sie wissen, dass sie Knieprobleme haben. Da ist denn die Design-Kunst gefragt, einen Ski zu entwickeln, der die Optik eines Renn-Skis hat und dennoch leichter schwingt.
Glauben Sie, dass die jetzt Vierzigjährigen mit dem Alter offensiver umgehen werden?
Ja ganz bestimmt, weil jede Generation anders ist. Wir werden eher fordern und sagen: Nicht ich bin falsch, sondern das Produkt. Diese ganze Thematik wird zukünftig großen Einfluss auf die Produktwelt haben. Wir stehen da noch ganz am Anfang.