Egal, ob bei der Produktgestaltung und Beratung für die unterschiedlichsten Firmen oder beim Ausstellungsdesign – für den Münchener Designer Stefan Brodbeck ist immer der Mensch mit seinen Bedürfnissen das Maß aller Dinge. Und er versucht seinen Objekten eine Gültigkeit über den Tag hinaus zu geben. Deshalb müssen für ihn die Dinge im Sinne des Yin- und Yang-Prinzips harmonisch sein.
Dass Gestalter nicht unbedingt empfindsame Künstlertypen sein müssen, beweisen Stefan Brodbeck und seine Mitarbeiter. In einem Hinterhofgebäude unweit des Münchener Hauptbahnhofs, das gerade saniert wird, arbeiten sie inmitten von Baulärm, umherwuselnden Handwerkern, zusammengerückten und teils mit Plastikfolie verhüllten Möbeln unverdrossen an ihren Entwürfen.
Stressresistenz gehört wohl zu den typischen Eigenschaften eines Designers. Brodbeck zeichnet zudem ein interdisziplinärer Ansatz aus, der Produktdesign, Ausstellungsgestaltung, städtebauliche Konzepte und Architektur umfasst. Gleichwohl kreiert er inzwischen hauptsächlich Produkte.
Sein erstes Projekt unter dem Namen brodbeck design, ein Recyclingkonzept für Insulinspritzen von Lilly, führte ihn in die Pharmabranche. Weitere Branchen folgten: Für den koreanischen Produzenten Maxon und das Münchener Medienunternehmen Tresor Data entwickelte der Gestalter mit dem Multimediaphone „Multikit“ eine Kombination aus Freisprechtelefon, Chipkartenlesegerät und Netzcomputer. Zudem entstand für den Leuchtenhersteller Ludwig die Leuchtenserie „Filo“. In Sachen Sport ist Brodbeck mit Skibindungselementen für Silvretta und mit einer neuen Winterkollektion von Langlaufskiern für Germina vertreten, in der Verlagssparte mit einem CI-orientierten Bücherpräsentationssystem für Gräfe und Unzer.
Intensiv beschäftigte sich der Münchener auch mit Produkten rund ums Bad. Für das Unternehmen Schockbad entwickelte er das Planungsprogramm Alpha und das Badmöbelprogramm Pure, für den niederländischen Fliesenhersteller Rojal Mosa Wand- und Bodenfliesen. Die Waschtischprogramme Mono und Mono 2 sowie das als Kompaktwaschplatz ausgebildete Solitärmöbel System 1000 werden von Burgbad produziert, die dazu gehörende Waschtischarmatur entstand zusammen mit Dornbracht.
Gemeinsam mit zwei Partnern hat er darüber hinaus eine neue Ausstellungshalle des Deutschen Museums, das Verkehrszentrum auf dem alten Messegelände, geplant und realisiert. Durch die Fülle der Projekte wuchs das Büro Brodbeck auf heute neun Mitarbeiter.
Seit mehr als sieben Jahren ist der 42-Jährige für die Rosenheimer Steelcase Deutschland aktiv. Zusammen mit dem Münchener Designer Andreas Struppler hatte er sich aufgemacht, die seinerzeit „verstaubte und verschlafene Büromöbelbranche wachzurütteln“. Da Werndl – wie das Unternehmen damals noch hieß – nicht weit entfernt ansässig ist, hatten die beiden Gestalter sich diesen Büromöbelhersteller für ihre innovativen Vorschläge ausgesucht. Der damalige Firmenchef Klaus Werndl lies sich von den vier vorgestellten Konzepten überraschen – und begeistern. Mit der flexiblen und mobilen Tischserie Frisco startete die Zusammenarbeit. Es folgten unter anderem der elektronisch verstellbare Steh-Sitz-Arbeitsplatz YoYo, das höhenverstellbare Medien- und PC-Systemmöbel Communicator, die FreeWall und das Schreibpult Hopper. Nach vier Jahren schied Struppler aus, weil er für einen anderen Büromöbelhersteller tätig werden wollte. Die Bürodrehstuhlfamilie Werndl #1, die Mitte vergangenen Jahres auf den Markt kam, ist Brodbecks jüngstes Projekt für Steelcase Deutschland. Damit empfahl sich der Spezialist für Tische und Kastenmöbel auch als Stuhlhersteller. Und das erfolgreich. Mehr als 20 000 Stühle, die sich aus rechteckigen und organisch geschwungenen Formen zusammen setzen, sind seither bestellt worden. Die Formenkombination zeigt sich beim Fußkreuz, besonders aber im Profil des Stuhls. Die leicht geschwungene Rückenlehne verläuft analog der Wirbelsäulenlinie, die horizontale Unterteilung nimmt Bezug auf den menschlichen Rücken. „Ich habe hier das männliche-weibliche Yin- und Yang-Prinzip im Sinne einer harmonischen Ausgewogenheit umgesetzt“, erläutert Brodbeck. Am unteren Ende der Rückenlehne fixiert ein Quadrat aus Aluminium die Lehne. Es vereint die Logo-Basisformen von Werndl und Steelcase, das Oval und das Quadrat. Die Aluminiumplatte hat eine weitere Funktion. An dieser Stelle lassen sich die Rückenlehnen der Drehstühle per „Knock down“ von der Sitzfläche trennen.
Thema „50 Plus“
Auch bei seinen übrigen Schöpfungen verfolgt Brodbeck den Ansatz „design based on people“. Er hat seinen eigenen Anspruch in einer Imagebroschüre formuliert. Unterstützt hat ihn dabei seine Freundin, eine marktstrategische Beraterin. „Ich lege den Fokus wirklich auf den Menschen und seine physischen und psychischen Bedürfnisse. Das Möbel muss ihn ansprechen, es muss zu ihm passen und sich flexibel an ihn anpassen – nicht umgekehrt.“ Frisco, FreeWall und YoYo seien gute Beispiele dafür. Zum Prinzip „design based on people“ gehöre auch, die damit verbundenen Markterfordernisse zu eruieren. So beschäftigt sich der Designer beispielsweise seit geraumer Weile mit der Thematik „50 Plus“. Konkret mündete das in eine Studie über Telefone für ältere Menschen, die keine Lust hätten, 50 Funktionen eines Telefons zu nutzen und dafür umfangreiche Handbücher zu lesen. Inzwischen existiert ein Telefonentwurf, der mit Touch-Screen-Technologie arbeitet. Hinterlegt ist die Touch-Screen-Fläche mit den Telefonnummern der häufig angerufenen Personen, wahlweise mit verdeckten großen Tasten oder Fotos. „Dieses Konzept stellen wir gerade allen großen Herstellern von Telefonapparaten vor, denn die Branche hat das Thema noch nicht wirklich entdeckt.“
Brodbeck ist ständig auf der Suche nach neuen Einsatzfeldern. Dazu bedient er sich zweier Mittel: „Ich gehe nicht nur mit offenen Augen durch die Welt, sondern ziehe mich zudem immer wieder zurück, um Kraft zu schöpfen.“ Überdies kooperiert der Gestalter mit Fachleuten wie Ergonomen, Verhaltenspsychologen, Usability-Experten, Marketingspezialisten und Trendforschern. Im speziellen Fall „50 Plus“ arbeitet er mit dem Generation Research Program (GRP) der Universität München in Bad Tölz zusammen, das sich der interdisziplinären Altersforschung widmet. Angesichts der Fülle seiner Aktivitäten erscheint es nicht übertrieben, wenn der Gestalter von sich selbst behauptet: „Ich verstehe mich als Designer, der weit über den Tellerrand hinaus schaut.“