Universal Design (TUM) 04/2008:  Evaluierung brodbeck design


Interview mit Stefan Brodbeck, Korrespondenz per e-Mail

Erläuterungen zur Firma:
brodbeck design ist ein kleines Industrie Design-Büro in München. Die Mitarbeiter sind Designer, Innenarchitekten, Ingenieure und Modellbauer. 

Herr Brodbeck können Sie mir etwas zu den Initiativen und Projekten bei brodbeck design bezüglich Universal Design sagen?

Wir haben eine Kooperation mit dem Generationen Research Program (GRP) an der Ludwig-Maximilians-Universität gegründet  – usability & design – Design und Usability gehören auf dem Weg von der Idee zum Produkt eng zusammen und verlangen Austausch zu mehreren Zeitpunkten der Entwicklung. Um diese beiden Kompetenzen (Design und Usability) zu bündeln, wurde die Kooperation von brodbeck design und dem GRP (Generation Research Program) der Universität München unter der Leitung von Prof. Dr. Ernst Pöppel ins Leben gerufen. Die Verknüpfung von Universität und Designbüro eröffnet neue Perspektiven und bietet optimale Unterstützung bei der Produktentwicklung. Das GRP beschäftigt sich mit generationenübergreifender Forschung. Desweiteren übernehmen wir die Leitung eines Workshops für den Telekommunikationsanbieter ONE in Österreich. Bei diesem Workshop, konzipiert gemeinsam mit dem Büro für Transfer und dem ONE Smart Space Center unter der Leitung von brodbeck desgin, wurden Senioren nach ihrem Kommunikationsverhalten, ihren Bedürfnissen, Wünschen und Lebensgewohnheiten befragt, sowie ihre Kreativität, ihr Innovationspotential und ihr Wissen ausgelotet. Außerdem unterstützen wir Semesterprojekte an der Freien Universität Bozen zum Thema Transgenerationen-Produkte.

Was genau verstehen Sie unter Universal Design – haben sie eine Definition?
Unsere Antwort sind so genannte „Trans-Generationen-Produkte“, die gezielt auf die Bedürfnisse und Anforderungen älterer Menschen zugeschnitten sind, jedoch nicht danach aussehen- also altersunabhängig sind. Sie sind formschön und als solches auch für andere Zielgruppen attraktiv und erstrebenswert. Einfache und intuitive Bedienbarkeit, hoher Bedienkomfort mit einer angepassten Ergonomie, Sicherheit und Selbstständigkeit fördernd in Verbindung mit einer Ästhetik, die auf unterschiedliche Geschmackswelten abgestimmt ist, sind die wichtigsten Anforderungen. Was auch zu erkennen ist, ist eine allgemeine Zunahme des ästhetischen Anspruches – dem Interesse an Design. Design hat einen hohen Stellenwert auf das Selbstwertgefühl und das Selbstverständnis aller Altersgruppen. Design repräsentiert ästhetisches Empfinden und ist Ausdruck der eigenen Werte oder Eitelkeiten – und das hört im Alter nicht auf. Im Gegenteil. Wir haben es mit einer äußerst anspruchsvollen und heterogenen Personengruppe zu tun. Deswegen ist eine gute Gestaltung so wichtig und nicht mehr weg zu denken.

Können Sie ein paar repräsentative Projekte oder Aktivitäten zur Thematik des Universal Design beschreiben?

1) Steh-Sitz Arbeitsplatz – YoYo für den Büromöbelhersteller Steelcase: Seine höhenverstellbare Funktion ermöglicht allen Generationen, insbesondere der immer älter werdenden Arbeitnehmerschaft ein gesünderes und ergonomischeres Arbeiten. Ein einfach zu bedienendes Produkt, das sich an individuelle Bedürfnisse anpasst.

2) Trans-Generationen-Phone: Eine Designstudie für ein Trans-Generationen-Telefon, die wir vor 2 Jahren gemeinsam mit dem GRP durchgeführt haben. Sie zeigt auf, wie für physische Probleme (z.B. Sehschwäche) ganz andere Lösungen geschaffen werden können. Lösungen, die funktional sowie optisch überzeugen. Sie zeigt, wie sich ein Produkt an individuelle Bedürfnisse und Interessen anpassen kann – z.B. die einer ganzen Familie.

3) Barrierefreie Bad-Griffserie für den Badhersteller Lehnen edel:stahl GmbH: Hierbei handelt es sich um eine ästhetische Griffserie, die wir für barrierefreie Bäder entwickelt haben. Normgerecht! Eine Griffserie, die mehrfach Designpreise gewonnen hat, unter anderem den if Gold Award. Die Griffe geben formschön und funktional ein hohes Maß an Sicherheit und Bequemlichkeit im Bad für Menschen jeden Alters z.B. die gläserne Ablage mit dem darunter liegenden Griff. Der leicht nach unten geneigte Griff ist von vielen Waschpositionen aus gut erreichbar und ermöglicht ein sicheres und bequemes Hantieren im Bad. Am Griff lassen sich aber auch Halter für Accessoires oder Handtücher einhängen. Die Ästhetik steht im Vordergrund. Ein 30Jähriger kann sich somit sein Bad genauso wie ein 60Jähriger mit diesem Produkt ausstatten. Die Funktionalität passt sich an die Bedürfnisse beider Altersgruppen an. Hinter ästhetischem Design kann die gleiche hohe Funktionalität stehen wie bei rein klinisch ausgerichteten Produkten.

4) WC-Sitz Malong für den Sanitärhersteller Haro Sanitary: Auch hier stehen Emotionalität und Ästhetik im Vordergrund. Durch seine Wölbung und Kontur sowie die V-förmige „Nut“ zwischen Deckel und Brille erhält der WC-Sitz eine asiatische Anmutung. Durch diese Kante kann der Nutzer den Deckel,  ganz einfach nach oben klappen. Besser noch: zum Zuklappen muss er den WC-Deckel, ein Produkt, das man eigentlich nicht gerne anfasst, einfach nur antippen. Die integrierte Soft-Close-Mechanik lässt den Sitz ganz langsam wieder nach unten wandern – ohne dass man sich bücken muss. Die Formgebung gewährleistet zudem ein sehr einfaches Reinigen des Sitzes. Kleine Features, die den Sitz für uns eindeutig zum Trans-Generationen-Produkt machen. Auch für diesen Sitz haben wir mehrfach Designpreise erhalten.

5) Schreibtisch Kalidro für den Büromöbelhersteller Steelcase: Kleine durchdachte und funktionale Details zeichnen diesen Tisch aus, ohne dass die das Produkt komplexer machen oder es verteuern. Der Tisch lässt sich besonders bequem höhenverstellen, verkabeln und mit weiteren Adaptionen ausstatten. Im Vordergrund stand keineswegs ein bestimmtes Alter der Nutzer, sondern Funktionalität, Bedienkomfort, Reduktion auf das Wesentliche, Wirtschaftlichkeit und natürlich Ästhetik. Attribute, die allen Generationen entgegenkommen.

6) Life Time Handy für den Telekommunikationshersteller DFG: Die Zielgruppe unseres Kunden für dieses Produkt sind die über 70jährigen. Bei der Gestaltung ist allerdings nie das Alter, sondern es sind immer die Interessen im Fokus. Wichtig ist die Reduktion auf das Wesentliche, wie die Tasten und die Menüführung. Die Bedienung ist einfach und es hat eine gute Lesbarkeit, z.B. die Haptik der Tasten, die Schriftart, Größe Kontrast der Ziffern. Es ist außerdem anpassungsfähig an die individuellen Bedürfnisse der Nutzer, und zudem in seine Materialität und Formgebung hochwertig und edel.

Wie schätzen sie die wirtschaftliche, gesellschaftliche und wissenschaftliche Relevanz von Universal Design ein?

Marktstrategisch bietet das Universal Design eine große unternehmerische Chance! Die Generation Plus ist und wird die relevante Zielgruppe in den nächsten 5-20 Jahren. Deshalb ist es gerade jetzt für die Wirtschaft von außerordentlicher Wichtigkeit, auf die Interessen gezielt einzugehen. Die stigmatisierende Vorstellung des „krank seins“ und des „unbeweglichen Alters“ in Bezug auf die Generation Plus muss aus den Köpfen verschwinden, da sie nicht mehr zutreffend ist. Die Zukunft liegt in einer Produktstrategie, ausgerichtet auf formschöne Produkte, mit einer angepassten Funktionalität, auch gerade durch den Einsatz modernster Technologien, die abgestimmt sind auf die Bedürfnisse der Generation Plus – denn sie werden durch ihre wachsende wirtschaftliche Macht der Maßstab werden. Mit einer solchen Produktstrategie wird eine Glaubwürdigkeit erzielt, die den kritischen, erfahrenen Konsumenten in Bezug auf Produkt und Servicenutzen überzeugt.

Haben sie nationale oder internationale UD Vernetzungen oder Kooperationen?

Das Generation Research Program (GRP) mit Sitz in Bad Tölz, ein Projekt der Ludwig Maximilian Universität München, verfolgt den Ansatz, wissenschaftliche, technologische und ökonomische Ressourcen zu verbinden. Forschung und Entwicklung, die sich aus dem demographischen Wandel ergeben, werden somit vorangetrieben. Das GRP testet Produkte auf Stärken und Schwächen unter dem Aspekt von wissenschaftlichen Hintergründen. Diese Erkenntnisse fließen direkt in die Realisierung von Produkten mit ein. Diese Kooperation garantiert eine zielgerichtete Entwicklung rund um das Thema usability & design für die Zielgruppe der Generation Plus.

ConceptCabinet – ist ein strategisches und ganzheitliches Beratungs- und Umsetzungsunternehmen für Generationen Marketing mit Kernkompetenz aus die Zielgruppe  der älteren Generationen. Der Ansatz der Strategieentwicklungen ist das Integrationsmarketing, Entwicklung von Generationen übergreifenden Konzepten zur Erfassung mehrerer Altersgruppen.


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